Wir hatten die Möglichkeit Dr. Tobias Mehlich den Präsidenten der Handwerkskammer Ulm ein paar Fragen zu stellen. Im Hinblick der „Rückvermeisterung“ konnte dieser besonders zum Thema „Meister“ viele interessante Antworten geben.

Welche Möglichkeiten gibt es, um den Meistertitel zu erhalten? Welche schulischen Wege gibt es?

Dr. Tobias Mehlich: Die Meisterschule kann entweder in Teilzeit oder Vollzeit absolviert werden. Hierzu meldet man sich bei der gewünschten Handwerkskammer, die diese Kurse bzw. Gewerke abdeckt, und meldet sich mit seinem Gesellenbrief an. Damit eröffnen sich nach Ihrer Ausbildung und dem Gesellenbrief viele attraktive Karrieremöglichkeiten. Ob Sie sich selbstständig machen, eine leitende Position übernehmen oder als Ausbildungsmeister Verantwortung übernehmen wollen – Ihre beruflichen Chancen nach oben sind offen. Der Meisterbrief ist auch heute noch ein weltweites Gütesiegel. Die Dozenten und Ausbilder haben fachlich theoretische Kenntnisse und jahrelange praktische Erfahrung.

Dr. Tobias Mehlich, Hauptgeschäftsführer Handwerkskammer Ulm (Bildquelle: Armin Bühl)

Ist ein schulischer Weg notwendig?

Mehlich: Ein Besuch der Meisterschule vor der Meisterprüfung ist keine Pflicht, jedoch wird ausdrücklich und dringend dazu geraten.

Was sieht die aktuelle Meisterordnung vor? Welche Prüfungsteile sind enthalten?

Mehlich: Teil I – Teil IV

Die Meisterprüfung im zulassungspflichtigen Handwerk umfasst folgende selbstständige Prüfungsteile:

1. die Prüfung der meisterhaften Verrichtung wesentlicher Tätigkeiten (Teil I),

2. die Prüfung der erforderlichen fachtheoretischen Kenntnisse (Teil II),

3. die Prüfung der erforderlichen betriebswirtschaftlichen, kaufmännischen und rechtlichen Kenntnisse (Teil III) und

4. die Prüfung der erforderlichen berufs- und arbeitspädagogischen Kenntnisse (Teil IV).

Gibt es finanzielle Hilfen/Förderungen vom Staat oder den Kammern?

Mehlich: Das Aufstiegs-BAföG fördert die Vorbereitung auf mehr als 700 Fortbildungsabschlüsse. Dazu zählen unter anderem Meister/in, Fachwirt/in oder Betriebswirt/in. Gefördert werden Fortbildungen öffentlicher und privater Träger in Voll- und Teilzeit, die fachlich gezielt auf öffentlich-rechtliche Prüfungen nach dem Berufsbildungsgesetz, der Handwerksordnung (HwO) oder auf gleichwertige Abschlüsse nach Bundes- oder Landesrecht vorbereiten.

Außerdem wurde jetzt mit dem Beginn des Jahres 2020 die Meisterprämie und Meistergründungsprämie im Land beschlossen. Damit werden Meister, die künftig ihre Prüfung erfolgreich abgelegt haben, eine Prämie von 1.500 Euro erhalten. Auch diejenigen, die sich nach dem Meister selbstständig machen, werden unterstützt.

Kann man auch ohne Meistertitel einen Betrieb in einem zulassungspflichtigen Gewerk gründen?

Mehlich: 41 Gewerke sind derzeit als zulassungspflichtige Handwerke (Anlage A) eingetragen, ab 2020 kommen 12 weitere dazu. Der Betrieb eines zulassungspflichtigen Handwerks ist nur den in der Handwerksrolle eingetragenen Personen gestattet. Voraussetzung ist ein Nachweis über die Qualifikation – der Meisterbrief.

Welche Vorteile hat der Meistertitel für den Betrieb?

Mehlich: Der Meisterbrief steht für berufliche, fachliche Qualifizierung und Kompetenz. Meisterbetriebe sind Garant für qualitative Leistungen beim Kunden, fachliche Fortentwicklung und Innovationen im Betrieb.

Der Meisterbrief steht außerdem für Arbeitssicherheit. Sicherheit für den Kunden, den qualitativ hochwertige, sichere Leistungen erwarten. Daneben wissen Meister um die Gefahren im Umgang mit Material und Maschinen ihres Handwerks und garantieren die Arbeitssicherheit im Betrieb.

Meister bilden zudem aus. Im Meisterbrief enthalten ist die Ausbildereignungsprüfung.

95 Prozent aller dualen Ausbildungen im deutschen Handwerk werden in Meisterbetrieben absolviert. Meister haben Berufserfahrung. Handwerksmeister geben ihr Können weiter und sind Wissensvermittler. Damit leisten sie einen zentralen Beitrag zur Minderung von Jugendarbeitslosigkeit und des Fachkräftebedarfs.

Meisterbetriebe sind gelebter Verbraucherschutz. Denn Qualität ist die Basis für ein nachhaltiges und erfolgreiches Unternehmertum. Langlebige Betriebe sind Verbraucherschutz. Fast die Hälfte der Betriebe in den Gewerken ohne Meisterpflicht (seit 2004) sind Ein-Mann-Betriebe. Bei diesen sogenannten Solo-Selbstständigen gibt es eine hohe Fluktuation – im Bereich Bau und Ausbau verschwinden sie oft schon innerhalb der fünfjährigen Gewährleistungsfrist wieder vom Markt. Der Kunde bleibt ggfls. mit seinem Problem zurück. Das ist nicht im Sinne des Verbraucherschutzes.

Meister fördern und erhalten Wohlstand in der Fläche. Handwerksbetriebe sichern die Grundversorgung der Bevölkerung, da sie regional ihre Leistungen erbringen. Sie sind wichtiger Umsetzer von politische Vorgaben, wie bspw. die Energiewende, in der Fläche und tragen so zum Wohlstanderhalt bei.

Gleichzeitig sind Meisterbetriebe nachhaltig wirtschaftlich erfolgreich. Statistisch gesehen sind meistergeführte Betriebe doppelt so solide in ihrer Lebensdauer als Nicht-Meisterbetriebe. Das stärkt den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Meisterbetriebe sind wettbewerbsfähig. Handwerksbetriebe konkurrieren nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern stehen mit ihren Leistungen im internationalen Wettbewerb. Durch die Niederlassungsfreiheit im europäischen Binnenmarkt steht jeder Handwerksbetrieb täglich im Wettbewerb mit europäischen Konkurrenten und muss den Kunden mit seiner Leistung und einem fairen Preis überzeugen. Der Meisterbrief und permanente Fortbildung danach stärken diese Konkurrenzfähigkeit.